Fußball rund um die Welt: Norwegen & Estland

Fußball rund um die Welt: Norwegen & Estland

Es gibt unzählige Arten von Fußball-Fans. Die einen gehen nur zu Heimspielen, andere nehmen alle Spiele ihrer Mannschaft mit – unabhängig von Distanz und Wetter. Und dann gibt es noch die Fußballverrückten, die um den ganzen Globus fliegen, um die Faszination von König Fußball zu erleben. Einen von ihnen konnten wir dafür gewinnen, für uns und vor allem für euch über seine Erlebnisse in der weiten Welt des Fußballs zu erzählen. In regelmäßigen Abständen könnt ihr hier von Reisen zu Spielen in Fußball-Entwicklungsländern, hitzigen Derbys und ehrwürdigen Fußball-Tempeln lesen. Los geht’s mit einer Reise nach Norwegen und Estland in der Länderspielpause im Oktober.

Bevor die Reise losgeht

Die Vorbereitungen der Tour beginnen bereits im Februar. Pünktlich zur Auslosung der EM-Quali Gruppen wird der deutsche Spielplan studiert. Niederlande, Weißrussland, Estland….ESTLAND! Das Reiseziel für die Tour steht fest. Nur Estland? Das wäre zu einfach. Estland lässt sich gut über Oslo erreichen. Dort trifft am Vortag Norwegen auf Spanien. Der Plan steht, Flüge sind schnell gefunden. Nur noch kurz die Hotelpreise checken und alle Infos in unsere WhatsApp-Gruppe senden. Mitreisende sind schnell gefunden -nun heißt es warten bis es los geht.

Anreise nach Oslo

Wenn am Samstag um 05:00 Uhr der Wecker klingelt ist daran meist König Fußball schuld. Bereits um 5:30 Uhr starte ich mit meiner Reisegruppe nach Brüssel. Für die Uhrzeit ist die Stimmung erstaunlich munter. Die zweistündige Anfahrt nach Brüssel verläuft ohne Probleme. Den Airport in Brüssel habe ich bereits mehrfach als Startpunkt meiner Reisen genutzt. Einen Parkplatz habe ich oftmals im Internet reserviert. Auch heute haben wir uns für die vorherige Reservierung eines Parkplatzes entschieden. Leider ließen wir uns vom Preis leiten und buchten im Vorfeld einen Parkplatz samt Transfer abseits des eigentlichen Flughafens. Angekommen auf dem dubiosen Gelände des Parkplatzbetreibers quetschen wir unser Gefährt in eine kleine, enge Parklücke. Zum Glück haben wir den Weg mit einem Auto bestritten, dass seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Alle anderen Fahrzeuge hätte man hier nicht reinen Gewissens abstellen können.

Auch der „Transfer“ zum Flughafen gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nach einigen Telefonaten und zwanzig Minuten Wartezeit entschließen wir uns auf ein Taxi umzusteigen. Mit diesem Parkplatz haben wir eindeutige an der falschen Stelle gespart. Etwa eine Stunde vor Abflug erreichen wir dann endlich den Flughafen. Der Flug geht pünktlich um 9:00 Uhr. Dem Länderpunkt Norwegen sollte also nichts im Wege stehen.

8 Stunden bis zum Anpfiff

Gegen 11:00 Uhr erreichen wir Oslo. Der Flughafenexpress bringt uns direkt bis in die Innenstadt. Für uns ist es der erste Besuch in der norwegischen Hauptstadt. Als Unterkunft für den heutigen Tag haben wir ein Apartment im Stadtkern gewählt. Verglichen mit vorherigen Reisen erscheinen die 8 Stunden bis zum Anpfiff entspannt. Nach einer kurzen Sightseeing-Tour stärken wir uns mit Pizza und Bier. Bier das ist hier sein Thema. Oslo gilt seit 2011 als teuerste Stadt der Welt. Das macht sich natürlich auch bei den Alkoholpreise bemerkbar. 12€ für einen halben Liter Pils drücken etwas auf die Stimmung.

Die Tickets für den heutigen Kick hatten wir bereits Wochen im Voraus bestellt. Dennoch machen wir uns knapp 3 Stunden vor Spielbeginn auf in Richtung Ullevaal Stadion. Am Stadion angekommen gleicht die Stimmung einem Familienfest. Torwandschießen, Luftballons, viele Kinder und Einkaufsmöglichkeiten. Wir entscheiden der Eventstimmung zu entfliehen und besuchen die örtliche Stadionkneipe. Dort ist der Bierpreis mit 9€ zwar nur marginal günstiger als in der Innenstadt, dennoch verweilen wir hier bis zum Anpfiff. Die Stimmung in der Stadionkneipe erinnert mich etwas an englische Verhältnisse. Einige Norweger machen lautstark auf sich aufmerksam und stimmen mehrmals die Nationalhymne an. Das lässt einiges für die Partie erhoffen.

Spielbericht Norwegen -Spanien

Gute 30 Minuten vor dem Anpfiff nehmen wir unsere Sitzplätze im Nationalstadion ein. Für 30€ Eintrittspreis sitzen wir nahe der Eckfahne. Die norwegische Fankurve zeigt zum Einlauf der Teams eine kleine Fahnenchoreografie. Der kleine Gästeblock bestehend aus rund 800 Spaniern kann am heutigen Tag nicht auf sich aufmerksam machen. Die Stimmung ist auf norwegischer Seite vom Beginn an gut. Das Spiel nimmt in den ersten 15 Minuten den erwarteten Verlauf. Spanien drückt und Norwegen wirft alles dagegen. Die Gastgeber überstehen die erste Drangphase und werden selbst stärker. Es gelingt den Norwegern im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit einige Offensivakzente zu setzen. Die Fans quittieren ihrer Mannschaft dies mit lautstarkem Support. Beide Teams gehen torlos in die Kabine.

Die Temperatur ist mittlerweile auf 2 Grad gefallen. Die Halbzeit nutzen wir für etwas Bewegung. Man kann die Blöcke im Stadion problemlos wechseln und sich somit etwas aufwärmen. Das Stadion gefällt mir. Es fasst insgesamt rund 25.000 Zuschauer und ist heute nach längerer Zeit mal wieder ausverkauft. Den Beginn der zweiten Halbzeit verschlafen die Gastgeber und fangen sich in der 47. Minute das 0:1 durch Saúl. Die spanische Nationalmannschaft ist reihenweise mit Topstars besetzt. Und dennoch können die Gäste nicht genug Sicherheit in ihr Spiel bringen. Die Spanier zeigen teilweise haarsträubende Fehler in der Defensive und stärken damit die Gastgeber. Doch auch die Norweger tun sich schwer.

Ein Punkt für Alle

Herausgespielte Kontersituationen werden im letzten Drittel nicht konsequent genug zu Ende gespielt. Und in der 92. Minute passiert es dann doch. Der spanische Torwart geht bei einem hohen Ball ungestüm zur Sache -Elfmeter! Der fällige Strafstoß wird durch King verwandelt. Das Publikum tobt, der Schlusspfiff geht im Torjubel nahezu unter. Nicht nur Norwegen holt einen Punkt – auch mein Groundhopping Länderpunkt ist eingefahren. Da unser Flug nach Tallinn morgen bereits um 8 Uhr geht und die angesprochenen Alkoholpreise nicht gerade zum Feiern einladen, machen wir uns nach dem Abpfiff auf direktem Wege zu unserer Unterkunft.

Anreise nach Tallinn

Den zweiten Tag in Folge klingelt mich mein Handy viel zu früh aus dem Bett. Etwas in Eile packe ich meine Sachen in meinen Rucksack. Bereits in 20 Minuten soll uns der Expresszug zum Flughafen bringen. Ein letztes Mal prüfe ich mein Handgepäck: Klamotten, Fahne, Tickets, Check! Mit Norwegianair bestreiten wir den knapp 70-minütigen Flug in die Hauptstadt Estlands. Ich hatte in der Vergangenheit bereits positives von der Airline gehört -meine Erwartungen werden erfüllt. Beide Sitzplätze neben mir bleiben frei und ein kostenfreies W-Lan ist ebenfalls am Start. Hier hätte ich durchaus länger Zeit verbringen können, aber wir haben ja heute noch etwas vor. Die Nationalmannschafttritt zur EM Qualifikation in Estland an. Mein letztes Auswärtsspiel der Nationalmannschaft war die 1:0 Niederlage gegen Mexiko in der WM Vorrunde. Aber anders als letztes Jahr in Moskau sollte ein Sieg heute drin sein oder?

Sightseeing in Tallinn

Gegen 11 Uhr Ortszeit erreichen wir Tallinn. Den rund zwanzig minütigen Weg in das in der Altstadt gelegene Apartment bewerkstelligen wir mit der Straßenbahn. Nach dem erfolgreichen einchecken in unserer Unterkunft stärken wir uns mit leckeren Burgern. Wir sind froh darüber, dass unsere Reisekasse wieder mit normalen Euro-Preisen belastet wird. Nach dem Essen machen wir uns zu Fuß auf den Weg in die historische Altstadt von Tallinn. Einige Fotos später beenden wir das Sightseeing und erkunden die lokalen Bars. Bis zum Anpfiff bleiben noch rund 6 Stunden.

Wir legen einen letzten Stopp in unserer Unterkunft ein. Unser Rückflug nach Brüssel soll morgen bereits um 6:00 Uhr gehen. Wir diskutieren in unserer Gruppe über den Plan nach dem Spiel. Sollen wir wie gestern direkt zurück in die Unterkunft oder schlagen wir uns die Nacht in einem Pub um die Ohren? Nach der Enttäuschung des Vortages steht das Stimmenverhältnis 3 zu 1 für Party. Die letzten Stunden bis zum Anpfiff verbringen wir in einer Kneipe unweit unserer Unterkunft. Dort ist man auf die deutschen Gäste hervorragend vorbereitet. Der Laden ist in Deutschland-Fahnen gehüllt und aus den Musikboxen erklingt „sie liebt den DJ“.

Estnische Gastfreundschaft

Rund 2 Stunden vor Anpfiff machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum Stadion. Die Wege in Tallinn sind kurz. In weniger als 20 Minuten erreichen wir unser Ziel. Die Esten können dem Weltmeister von 2014 offensichtlich einiges abgewinnen. An jeder Ecke sieht man Einheimische in den deutschen Farben. Die Le Coq Arena ist nach der gleichnamigen estnischen Brauerei benannt, für die alkoholische Versorgung ist also gesorgt.

Spielbericht Estland –Deutschland

Das Spiel beginnt um 21:45 Uhr Ortszeit. Unsere Tickets befinden sich nur wenige Meter hinter dem Tor. Die Tickets haben wir im Vorfeld über Kontakte nach Estland organisiert. Nach dem 8:0 im Hinspiel erwarten alle einen sicheren Auswärtssieg. Das gestrige Spiel hat uns bereits gezeigt, Fußball ist nicht immer so leicht, wie es auf dem Papier steht. Auch heute sollte es für den Favoriten eine zähe Nummer werden. Emre Can sieht in der 14. Minute nach einer Notbremse die Rote Karte. Deutschland tut sich in Unterzahl schwer. Die Teams gehen mit einem torlosen Remis in die Pause.

Was macht eigentlich die Stimmung im Stadion? Die Bundesliga wird in weiten Teilen von Europa für ihre gute Atmosphäre bewundert. Bei der Nationalmannschaft ist das anders. Die Heimspiele gleichen oft einer Trauerverantaltung und auch bei den Auftritten in der Ferne fehlt es der Kurve aus meiner Sicht an kreativem Liedgut. So begrüßt der Gästeanhang das Team zu Beginn der zweiten Halbzeit einmal mehr mit einem langezogenen „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand, Deutschlaaand!“. Letztlich ist es Gündogan der mit seinem Doppelpack in der 51. und 57. die Zeichen auf Sieg stellt. Im weiteren Verlauf der zweiten Halbzeit erhöht Werner in der 71. Minute auf den 0:3 Endstand.

Tallinns Nächte sind lang

Nach dem Abpfiff machen wir uns erneut zu Fuß auf den Weg zurück in die Altstadt. Ohne Umwege finden wir uns im gleichen Pub unweit unserer Unterkunft wieder. Als wir den Laden betreten schmunzelt die Bedienung. Vermutlich erfüllen wir sämtliche Klischees die außerhalb von Deutschland über uns herrschen. Wir verbringen die nächsten Stunden bei lustigen Unterhaltungen mit bekannten und unbekannten Leuten aus der Republik. Gegen 3:00 Uhr geht uns die Kraft aus. Der Laden hat sich in der Zwischenzeit deutlich geleert. Wir sind innerhalb einiger Minuten zurück in der Unterkunft.

Es bleiben rund eine Stunde Schlaf bis mich mein Handy zum dritten Mal an diesem Wochenende aus dem Schlaf reißen wird. Um 04:15 Uhr klingeln in der Bude sämtliche Wecker. Langsam erwachen auch meine Kumpels. Der Mitfahrer, der am Nachmittag noch gegen Party gestimmt hatte, hat es nun am schlimmsten erwischt. Fast fremdgesteuert folgt er meiner Aufforderung „Nimm deine Tasche und komm!“.

Rückreise nach Deutschland

Mit dem Taxi fahren wir Richtung Flughafen. In der Abflughalle wimmelt es von deutschen Fußballfans. Einige hatten gar die Nacht hier verbracht –und selbst denen geht es scheinbar besser als uns. Um 06:00 Uhr heben wir pünktlich Richtung Brüssel ab. Der Vollständigkeit sei erwähnt, dass unser Rücktransfer vom Flughafen zum Auto auch heute nicht funktioniert. Wenigstens war unser fahrbarer Untersatz noch da wo wir ihn am Samstag abgestellt hatten. Bei den letzten zwei Stunden Richtung Heimat bin ich froh nicht hinter dem Steuer sitzen zu müssen. Gegen 12:00 Uhr bin ich endlich zuhause. Was für eine verrückte Tour.

Autor und Bilder: Tim (Insta: @cgn_0221)

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